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Frauen stärken heißt Entwicklung fördern! - Ein Interview mit Entwicklungshelferin Inge Lempp

Inge Lempp

Inge Lempp ist Sozialarbeiterin und Theologin und lebt seit 1999 mit ihrer Familie in Timor Leste. Sie berät seit 2015 MISEREOR-Partner in Ost Indonesien und Timor Leste. Davor war sie (seit 2004) als Entwicklungsfachkraft für die Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe e. V. (AGEH) u. a. im Rahmen der (Berufs-)Ausbildung von Mädchen und Frauen in Timor Leste tätig. Seit Mitte 2018 unterstützt sie die Bildungs- und Partnerschaftsarbeit von MISEREOR in Deutschland und besuchte in diesem Zusammenhang auch Zweigvereine in unserer Diözese, um über ihre Arbeit vor Ort zu berichten.



Welche Beweggründe hatten Sie, sich in der Entwicklungsarbeit zu engagieren?
Was reizt Sie an dieser Arbeit?

Ich kam eigentlich indirekt, über mein Engagement in der Solidaritätsbewegung, zur Entwicklungsarbeit. Mein Engagement für Osttimor begann 1991, als ich während meines Studiums der Sozialpädagogik in Freiburg im Breisgau lebte. Gemeinsam mit der Gesellschaft für bedrohte Völker gemeinsam und der Katholischen Hochschulgemeinde organisierten wir eine Gedenkmesse für die Verschwundenen und Verstorbenen des Santa Cruz Massakers, welches sich am 12. November 1991 in Dili / Osttimor ereignete.
Wie konnte es sein, dass Indonesien solche Menschenrechtsverletzungen zu verantworten hatte? Bei denen Sie zugaben, dass über 260 junge Menschen bei einem Beerdigungszug ermordet worden waren. Und bis heute warten noch weit über 600 Familien über Informationen zu ihren verschwundenen Kindern. 1989 war ich aus privaten Gründen nach West Timor gereist, um einen Familienfreund und dessen Familie dort zu besuchen. Während dieser Reise wurde ich auf die Probleme in Osttimor aufmerksam.

Als ich hörte, dass Papst Johannes Paul II zur gleichen Zeit Osttimor einen Besuch abstattete, fragte ich mich, warum der Papst gerade dieses Land besucht und was die Gründe dafür waren?
In der Presse las ich dann, dass bei der Messe, die Papst Johannes Paul II in Dili hielt, junge Menschen und Ordensschwestern Spanntücher während der Heiligen Kommunion ausrollten auf denen geschrieben stand: „Genocide in East Timor“ (Genozid in Osttimor) und „Self-determination now!“ (Selbstbestimmung jetzt!).  Die internationalen Journalisten, die mit dem Papst nach Timor gereist waren, haben diese Nachricht um die Welt gesandt und somit wurde weltweit bekannt, dass in Osttimor schreckliche Verbrechen stattfanden. Das war der Zeitpunkt, ab dem ich mich intensiver für die Solidaritätsarbeit in Osttimor interessierte und mich mehr engagierte.

Ein weiterer Aspekt meines Interesses für diesen Teil der Erde begründet darin, dass ich in Indonesien geboren wurde und meine Kindheit dort verbracht habe.
Ich war zwölf Jahre alt als meine Familie nach Deutschland gezogen ist.

Als 1999 das Referendum durch die Vereinten Nationen in Osttimor durchgeführt wurde, haben wir aus der Solidaritätsbewegung ein Wahlbeobachter-Team gebildet. So kam ich dann nach Osttimor. Knapp 80 Prozent der Bevölkerung hat damals für die Unabhängigkeit gestimmt. So wurde Osttimor (Timor Leste) 2002 zum damals jüngsten Staat im neuen Millennium ausgerufen. Und es gab viel zu tun, um aus der Asche der Zerstörung und der verbrannten Erde, die der Krieg hinterlassen hatte, einen neuen kleinen Staat zu erheben.

Zuerst arbeitete ich bei einem Dachverband von Nicht-Regierungs-Organisationen, dem „NGO-Forum“. Später hatte ich die seltene Gelegenheit zweieinhalb Jahre bei der timoresischen „Empfangs-, Wahrheits- und Versöhnungskommission“ mitzuarbeiten, der ersten Wahrheits- und Versöhnungskommission in Asien. Hier erfuhr das Volk erstmalig die Gelegenheit, sich frei über das Leid und ihre Erlebnisse während der indonesischen Militärdiktatur zu äußern. Es war eine sehr bewegende Zeit, in der die Aussprache des „Unaussprechlichen“ dem Erlebten die Macht nahm.

Während dieser Zeit wurde ein Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) e.V., der Entsendeorganisation der Katholischen Kirche in Deutschland für Mitarbeiter in der Entwicklungszusammenarbeit und im zivilen Friedensdienst (ZFD) auf mich aufmerksam, und schlug mir vor, mich auf eine der sechs Stellen in Osttimor zu bewerben, die sie im ZFD dort neu eingerichtet hatten. So kam ich dazu, meine erste Stelle in der Entwicklungszusammenarbeit über die AGEH e.V. zu beginnen. Zehn Jahre lang – von 2005 bis 2014 - durfte ich ein Projekt der Canossa Schwestern in Baucau, Osttimor begleiten. Dort wurden junge Landfrauen bestärkt, so dass sie mit dem gewonnenen Selbstvertrauen und ihren  Fähigkeiten ihr Leben auch wirtschaftlich verbessern konnten, in dem die Entwicklung von Kleingewerben gefördert wurde.

Die ersten sechs Jahre war ich im zivilen Friedensdienst tätig. Die letzten vier Jahre dann in der regulären Entwicklungszusammenarbeit über Misereor.
Es macht mir Freude, Menschen begleiten zu dürfen und zu sehen, wie sie aus ganz schwierigen Umständen heraus, mit Hilfe von neu gewachsenem Selbstvertrauen, erlernter Fähigkeiten und eigener Resilienz eine Veränderung und somit auch eine Verbesserung in ihrem eigenen Leben und dem ihrer Familien bewirken.

Mein derzeitiges Arbeitsfeld liegt in der Beratung von Organisationsentwicklungen und der Begleitung von MISEREOR-Partnern in Osttimor und Ost Indonesien. Es ist äußerst reizvoll die Vielfältigkeit der verschiedenen Arbeitsbereiche der Partnerorganisationen zu sehen. Als Beispiele wären hier unter anderem zu nennen: die Stärkung der Biobauern oder die Arbeit an Berufsschulen, der Aufbau zweier pädagogischer Hochschulen oder Partnerorganisationen, in der Menschen mit Behinderungen leben und durch die Familien in entlegenen Dörfern unterstützt werden. Auch die  Projekte zum Schutz von Indigenen Völkern oder Projekte, die die lokale Bevölkerung im Widerstand gegen Großkonzerne unterstützen und ihnen so bei Landraub oder dem Raub von Bodenschätzen beizustehen.

Das größte Geschenk für mich ist allerdings, dass ich erstaunliche Menschen kennen lerne. Menschen, die sich für andere einsetzen, um sie dabei zu unterstützen ihr eigenes Leben und das ihrer Familien und der Gemeinschaft zu verbessern. Und das an sehr entlegenen Orten dieser Welt. Es ist ein besonderes Privileg für mich diese Arbeit begleiten zu dürfen.


Ost-Timor hatte bewegte politische Zeiten hinter sich, bevor es als erstes gegründetes Land im neuen Millennium galt. Was waren Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen, denen es sich zu stellen galt, als es unabhängig wurde?

Mein Mann sagte einmal, konstruktiv an etwas zu arbeiten oder etwas aufzubauen, sei für seine Generation der Timoresen, also diejenigen, die während der indonesischen Militärbesatzung aufgewachsen sind, die größte Herausforderung gewesen. Hatten sie doch als Jugendliche gelernt, destruktiv zu sein. Sie waren der „Sand im Getriebe“ und versuchten mit aller Macht, das durch die Besatzer unterdrückte System , in dem sie lebten zum Scheitern zu führen.  An etwas zu glauben und dann auch das Vertrauen zu haben am Aufbau mitzuarbeiten, musste nach der Unabhängigkeit von diesen Menschen, die durch jahrelangen Konflikt und Gewalt, schwer traumatisiert waren, erst neu erlernt werden. Selbstvertrauen und Vertrauen in andere waren ein kostbares Gut.

Die Timoresen nannten sich selbst nach dem Krieg „Mate-Restu“, was übersetzt heißt: „Das was der Tod übriggelassen hat“.

Dieses indigene Volk der Timoresen hat während des Widerstands und im Kampf für die Unabhängigkeit eine enorme Resilienz hervorgebracht. Sie einte das gemeinsame Ziel, das Land zur Selbstbestimmung zu führen, ob lebend oder tot. Heute liegt ihre Aufgabe darin eine neue Nation zu bauen. Die im Widerstand gelernten Fähigkeiten sind hier oft nicht brauchbar und so ist es nicht verwunderlich, dass bestimmte Bereiche wie z.B. der Umgang mit Computern Schwierigkeiten bereiten. Für diese sehr traditionelle und indigene Gesellschaft, die eine orale Kultur ihr eigen nennt, stellen Verschriftlichungen aller Art generell ein Problem dar. Andererseits muss ein moderner Staat schriftliche Kommunikation in einer internationalen Sprache beherrschen, ob das im Austausch mit anderen Staaten ist, oder in der Erstellung von Verträgen. Dieser Prozess braucht viel Geduld und einen langen Atem.
Die Bevölkerung Osttimors ist sehr jung. Die große Herausforderung besteht darin, die Hoffnungen dieser jungen Menschen, durch Bildung eine Chance für eine bessere Zukunft zu bekommen, nicht zu enttäuschen. In all dem Wandel muss auch auf Teile der Bevölkerung geachtet werden, die am Rande der Gesellschaft stehen, zum Beispiel Frauen oder Menschen, die mit Behinderungen leben.


„Frauen stärken heißt Entwicklung fördern!“
Was bedeutet Ihre Aussage? Wie genau sieht die Förderung der Frauen in den Projekten vor Ort aus?

Timor-Leste bekämpft noch immer die schweren Folgen seiner brutalen Vergangenheit. Auch häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder ist verbreitet und wird von der Gesellschaft weitgehend toleriert. Knapp drei Viertel der Frauen in Timor-Leste sind Opfer häuslicher und sexueller Gewalt.

Um Frauen zu stärken,  beraten, begleiten und unterstützen MISEREOR-Partnerorganisationen Frauen auf ihrem Weg zu einem selbstverantwortlichen und selbstbestimmten Leben.

Christina ist eine von ihnen. Als sie Mutter wurde, konnte sie den schrecklichen Gedanken nicht ertragen, dass auch ihre Tochter in einem Umfeld der Gewalt aufwachsen wird.
Sie entschied sich, die Zukunft ihrer Familie in die Hand zu nehmen. Durch die MISEREOR-Partnerorganisation Empreza Di’ak (übersetzt: Unternehmen Zukunft) lernte sie, ihre schmerzliche Vergangenheit zu verarbeiten. Sie meldete sich zu einem Kurs an, in dem sie lernte, nicht nur sich, sondern auch anderen zu vertrauen. Hier fand sie den Mut, aktiv für ihre eigenen Interessen einzutreten. Zusätzlich erwarb sie hier auch kaufmännisches Wissen. Damit und mit dem vom Projekt geförderten Startkapital gründete sie ihr eigenes Kleingewerbe. Einen Second-Hand-Laden, mit dem sie heute etwa 150 Dollar im Monat verdient. So wurde aus einer jungen Mutter, die fast jeden Lebensmut verloren hatte, eine Geschäftsfrau, die Verantwortung für sich und ihre Familie übernimmt.

Das Bildungszentrum CTID (Zentrum für ganzheitliche Entwicklung) wird von den Canossa Schwestern betrieben. Es bringt Frauen aus unterschiedlichen Regionen und Kulturen zusammen. Neben der beruflichen Ausbildung zur Schneiderin, Köchin oder Buchhalterin, erlernen die Frauen in der Ausbildung auch zukunftsorientierte und praktische Fähigkeiten wie zum Beispiel den Umgang mit dem Computer. Auch nach der Ausbildung begleitet das Zentrum die Absolventinnen auf ihrem Werdegang. Die Mitarbeiter vermitteln Jobs oder stellen Kleinkredite zur Gründung eines Unternehmens bereit. Die Frauen sollen gut vorbereitet sein, damit sie das Leben und den Alltag ihrer Familien verbessern können, wenn sie in ihre Dörfer zurückkehren.

Auf den Punkt gebracht ist der Schwerpunkt von MISEREOR in Timor-Leste den Frauen zu helfen, ihre Rechte durchzusetzen und ein Stück Selbständigkeit zu erlangen.


Sie sehen Sich selbst als Bindeglied zwischen MISEREOR und den Projektnehmern vor Ort. Was wünschen Sie sich für die zukünftige Zusammenarbeit?

In gewisser Weise bin ich Brückenbauerin zwischen Menschen, die in einer sehr traditionellen, indigenen Kultur leben und arbeiten. Einer Kultur, deren Fokus auf dem gesprochenen Wort liegt. Und einem Geldgeber aus einem sehr modernen Land mit seinen hohen administrativen Ansprüchen. Und die Frage ist, wie kann Partnerschaft auf Augenhöhe gelebt werden? Manchmal scheint es, als wären die unterschiedlichen Welten kaum zu überbrücken und dann gibt es auch wieder Momente, in denen wirkliche Begegnungen zwischen den zwei Kulturen stattfinden. Ich sehe meine Arbeit ein stückweit als „Übersetzerin“ in beide Richtungen. Um Verständnis für den jeweils anderen und seine Erwartungen zu ermöglichen.

Für die zukünftige Zusammenarbeit wünsche ich weiterhin viel Geduld und einen langen Atem auf beiden Seiten, und mir selber natürlich auch, denn es ist es wert!


Was möchten Sie abschließend unseren Frauenbundfrauen noch sagen?

Ich möchte an dieser Stelle einen großen Dank an die Frauenbundfrauen in den Zweigvereinen aussprechen. In fünf von ihnen durfte ich im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der Kommission Eine Welt die Arbeit der Misereor Partner in Osttimor und meine eigenen Erfahrungen aus der gelebten Entwicklungsarbeit vorstellen. Ich war erfreut und dankbar über die große Gastfreundschaft und über das große Interesse, wie die Solibrotaktion hier im Bistum Regensburg das Leben von Frauen in Osttimor nachhaltig bereichern kann.

Ich bedanke mich für das Engagement für die Eine Welt und für die Menschen anderer Länder. Durch die Solidarität und Unterstützung erhalten sie Hilfe zur Selbsthilfe und können dadurch mit Würde an der Veränderung und Verbesserung ihres Lebens arbeiten.

Die reichen Begegnungen und Gespräche mit den Menschen hier im Bistum Regensburg haben mich mit Hoffnung gefüllt. Die Arbeit der Misereor Partner in Osttimor wird ermöglicht durch IHREN Einsatz hier in Deutschland. Ich werde diese Eindrücke und Begegnungen mitnehmen, wenn ich nach Osttimor zurückkehre und dort davon erzählen. Davon, wie sehr sich Frauen des Frauenbunds in der Diözese Regensburg für Frauen hier in Osttimor und weltweit einsetzen. 


Die Fragen stellte Bildungsreferentin Katrin Madl

Bild: Inge Lempp

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