KDFB

Auf ein Wort

Schwester Gabriela ist Ordensfrau und gebürtige Oberpfälzerin. Sie lebt in Jerusalem in der geistlichen Gemeinschaft der Borromäerinnen im Deutschen Hospiz St. Charles. Seit über einem Jahrhundert sind die Schwestern des Hl. Karl von Borromäus in der Heiligen Stadt vertreten. Sie engagieren sich besonders in der Pilgerbetreuung und Bildungsarbeit. Die Ordensfrauen betreiben einen Kindergarten und ein Gästehaus. Im Februar war eine Reisegruppe des KDFB Diözesanverband Regensburg vor Ort. Schwester Gabriela erzählt von den Folgen der Corona-Pandemie für ihre Gemeinschaft und für das Heilige Land.

Das Interview wurde Anfang April geführt.

Schwester Gabriela, wie hat die Corona-Pandemie die Lage in Jerusalem verändert?

Ganz ähnlich wie in Deutschland ist das öffentliche Leben hier deutlich stiller geworden. Es kommt einem so vor, als wäre es sieben Tage in der Woche Shabbat (Samstag), der Wochentag, an dem nach jüdischer Vorschrift alles ruht. Die Ausgangsbeschränkungen in Israel sind ähnlich strikt wie in Bayern, nur noch medizinisches Personal und andere „systemrelevante“ Angestellte dürfen zur Arbeit. Es ist nur mehr erlaubt, die Wohnung allein oder zu zweit zu verlassen, um Lebensmittel zu kaufen, zum Arzt, Apotheker oder Optiker zu gehen. Man soll keine längeren Spaziergänge machen, sich nicht mehr als 100 Meter von zuhause entfernen. Infizierte und in Quarantäne befindliche Personen werden sogar per Handy-Ortung kontrolliert, das sind harte Eingriffe ins öffentliche Leben.

Es ist ziemlich ruhig in Jerusalem. Das betrifft sogar die bekannten heiligen Stätten. Alle religiösen Gebäude wie jüdische Synagogen, islamische Moscheen oder christliche Kirchen sind geschlossen, zum Beispiel auch die Grabeskirche und die kleinen Kapellen entlang des Kreuzwegs an der Via Dolorosa. Die drei Weltreligionen sind in einem Punkt plötzlich eins: wegen der möglichen Ansteckungsgefahr gibt es keine öffentlichen Gottesdienste mehr. Selbst die Klagemauer darf nur noch von zehn Betenden gleichzeitig aufgesucht werden. Das religiöse Leben in der „Heiligen Stadt“ ist nicht ganz verschwunden, es ist nur nicht mehr so sichtbar und hörbar. Denn Religion und Glaube vollziehen sich jetzt nur noch im privaten Bereich, allein, in der Familie oder wie bei uns im Schwesternkonvent von St. Charles mit acht Ordensfrauen. Die meisten Kirchen hier im Heiligen Land werden von einer Ordensgemeinschaft, zumeist von den Franziskanern, betreut. Die Kirchen sind intern also nicht ganz leer, auch wenn die Türen von außen verschlossen sind.

Wie geht es den Menschen in Israel, in Palästina?

Alles begann damit, dass ganz Betlehem unter Quarantänegestellt wurde, als in einem Hotel erste Krankheitsfälle aufgetaucht sind. Von einer Nacht auf die andere wurden alle Touristen von dort ausgewiesen. Was wir sonst nur aus der Weihnachtsgeschichte Jesu kennen, wurde plötzlich für viele Pilgergruppen traurige Realität: sie fanden keine Herberge mehr.

Wie überall ist das Virus hier in Israel wie in Palästina noch weiter aktiv und es gibt strenge Quarantäne- und Ausgangsvorschriften. Die meisten Firmen sind geschlossen, im Home-Office zu arbeiten ist nur für wenige möglich. Wegen der abgeriegelten Grenzen können Palästinenser nicht mehr zum Arbeiten nach Israel kommen. Das trifft manche schwer, auch alle sozialen Einrichtungen, Behindertenheime oder ähnliches, und man bangt Woche um Woche, wie die ganze Familie weiter überleben kann.

Wie ist die Situation bei Euch im Gästehaus und im Kindergarten?

Seit Mitte März, als die Pandemie die ganze Welt erfasst hat, haben wir keine Gäste mehr. Wenn ich diese Zeilen schreibe, gehen meine Gedanken zu den anstehenden Kar- und Ostertagen. Jetzt und in den nächsten Monaten ist die besucherstärkste Zeit im Heiligen Land. Das wird heuer ganz anders werden. Juden müssen indiesen Tagen das Pessach-Fest allein zuhause feiern, genauso wie christliche Pilger Ostern und Muslime den Ramadan.

Am meisten wird mir das jeden Tag bewusst, wenn ich zum Gebet unserer Schwesterngemeinschaft in die Hauskapelle gehe. Die langen Flure mit den Gästezimmern unseres Hauses sind jetzt leer. Die ganze Situation nagt stark an unserer Existenz als Pilgerhaus wie als Schwesterngemeinschaft. Alle unsere Angestellten sind zuhause. Wie lange können wir in dieser Situation, ohne Einnahmen, bestehen und unserem sozial-caritativen Auftrag gerecht werden?

Auch unser Kindergarten St. Charles ist seit Mitte März vorerst geschlossen. Unsere rund 130 kleinen Schützlinge und deren Familien erhalten von den Erzieherinnen Unterrichtsmaterial, Bastel- und Spielanleitungen via Internet und bekommen Hausaufgaben. Das ersetzt aber lange nicht das Ziel unseres Kindergartens: soziales Miteinander, Verzeihen, Toleranz und Akzeptanz des andern. Die Hälfte unserer Kinder sind Vorschulkinder, die ab Ende August in die 1. Klasse kommen sollen. Jetzt haben sie aber erst die Hälfte des Lernprogramms absolviert. Auch wenn sie mit den Eltern zuhause unsere digitalen Aufgaben bearbeiten, ist das noch lange kein Ersatz für den Unterricht.

Zu diesen Sorgen um das Wohl unserer kleinen Schützlinge kommen noch die wirtschaftlichen Probleme um das Weiterführen des Kindergartens: Können wir finanziell überleben? Was geschieht mit unseren Mitarbeiterinnen? Was wird aus den Kindern, wenn wir nicht mehr in der Lage sind, den Kindergarten zu öffnen?

Welche Hoffnung hast Du?

Meine Stütze in den oft so traurigen und erschütternden Nachrichten Tag um Tag ist das Beten. Jeden Abend nimmt sich unsere Gemeinschaft extra Zeit, für alle von der Corona-Krise Betroffenen zu beten: für die Kranken, Leidenden, Sterbenden; für die Ärzte und das Pflegepersonal, die sich mit all ihrer Kraft einsetzen; für die Wissenschaftler, die nach einem Gegenmittel suchen; für die Politiker und für alle, die das Alltagsleben aufrechterhalten und Sicherheit gewährleisten. So viele Menschen sind betroffen, und so viele Menschen setzen sich ein, um die Krankheit zu bekämpfen. Dafür kann man nicht genug beten. Dass wir durch unser Gebet die anderen seelisch stärken können, das hoffe ich. Und ich baue auf Gottes Hilfe, dass die Medizin bald einen Impfstoff und Medikamente entwickelt, die allen Betroffenen aus dieser Krise helfen.

Wie gehst Du persönlich mit der Krise um?

Es ist das erste Mal für mich, dass ich eine derartige Krisensituation erlebe. In unserem Schwesternkonvent fühle ich mich sehr geborgen. Jetzt, in dieser stillen Zeit – ohne Gäste, ohne Kindergarten – strukturieren wir unseren Tag noch bewusster als sonst. Der Sommer steht vor der Tür und unser großer Garten ruft nach Pflege – also kümmern wir uns um ihn voller Freude und Energie!

Und wenn mich etwas zum Lächeln oder Lachen bringt, dann sind das zur Zeit die vielen kreativen, spirituellen und musikalischen Ideen, die die Menschen quer durch alle Länder auf ihren Balkonen, in ihren Wohnungen, vor den PCs zusammenbringen. Kraft aus der Ruhe schöpfen – ich hoffe stark, dass da bei uns allen etwas hängen bleibt.

Wie können die Frauenbund-Zweigvereine Unterstützung leisten?

Unser Haus, unser Kindergarten, unsere Schwesterngemeinschaft der Borromäerinnen hier in Jerusalem kann finanziell nur durch wohlwollende Menschen überleben. Wir sind vor über 125 Jahren ins Heilige Land gekommen, um die einheimische Bevölkerung zu unterstützen, Hilfsbedürftigen und Schwachen beizustehen. Das ist auch meine persönliche Motivation, für die ich mich hier als Ordensfrau mit Leib und Seele einsetze. Wenn Sie mir und meinen Mitschwestern in dieser schwierigen Zeit dabei helfen, wäre das großartig!

Das Interview führte Karin Uschold-Müller.

Über den Förderverein St. Charles Convent mit Sitz in München können Sie konkrete Hilfe leisten. Die Spenden werden hauptsächlich im Bereich des Kindergartens eingesetzt.

Kontoinhaber: Förderverein St. Charles Convent
Bank: Liga Bank, München
BIC: GENODEF1M05
IBAN: DE04 7509 0300 0002 2150 47
Stichwort: Kindergarten

Weitere Informationen: www.deutsches-hospiz.de